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Mit dem DDR-Fahrrad auf Welt-Europa(tor)tour

Alle Artikel lesen Sie in der Volksstimme! Im Wochenendmagazin im Reisebereich werden allwöchentlich die Geschichten der spektakulären Tour abgedruckt. Hier ein Einblick in die Arbeit:
Text 1 Malaysia / Text 2 Thailand / Text 3 Kambodscha / Text 4 Vietnam / Text 5 Sri Lanka / Text 6 Indien

Satt zu essen und einen Ausweis in der Tasche. Mehr braucht er nicht, wenn der Reisebuchautor Falk Werner die Erde umrundet. In einer zehnteiligen Volksstimme-Serie nimmt er Sie mit auf eine Tour 365 Tage um die Welt. Schwingen Sie sich mit aufs Motorrad in Asien, reiten Sie ein Kanu durch Krokodilsflüsse in Amerika und erfahren Sie, warum sich Falk Werner nach einer einjährigen Weltreise auf sein altes DDR-Fahrrad setzt, um von Magdeburg bis Brügge in Belgien zu radeln.

Mumbai (Bombay): Verzerrtes Meer aus Lichtern. Als ich die Stadtgrenzen der 22-Millionen-Metropole erreiche, peitscht der Monsun an die Glasscheiben des Busses. Der Regen lässt kaum einen Fahrgast an Bord schlafen. Wie gebannt starren Dutzende Augen durch die Massen aus Wasser. Mumbai ist die Stadt mit dem heftigsten Niederschlag weltweit. Am 26. Juli 2005 fielen binnen nur einen Tages fast 1000 Millimeter Regen. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Jahresniederschlag Magdeburgs liegt bei nur 500 Millimeter. Der Bus schwimmt durch die Fluten bis zu meinem Hotel.

Das antike Abwassersystem Mumbais kann die Wassermassen nicht bändigen. Aus den Gullideckeln spritzt es wie freudig aufgeschüttelter Champagner. 21 Uhr. Der Kellner serviert mir ein entspannendes Abendbier. Ich sitze in einer Bar und beobachte trockenen Hauptes das Straßenleben. Ein paar hektische Geschäftsmänner, die den kommenden Morgen und die Arbeit wohl kaum erwarten können, nehmen Anlauf auf meine Bar. Mittelständler trinken an einem der vielen Kioske unter einem Regenschirm einen Tee oder Kaffee, im Regen stehen die Bettler, die um ihre letzte Mahlzeit kämpfen. Ich trinke mein Bier, bezahle: 7 Euro. Der Monatslohn von 60 Prozent aller Inder.

Fast 100.000 Dollar-Millionäre leben in und um Mumbai. Doppelt so viele sind es im ganzen Land. 0,015 Prozent der Gesamtbevölkerung. Sie bestimmen den Fernsehalltag in Indien. Zerrbild der Wirklichkeit. Ich folge dem Lockruf der Realität. Der Plan: Eine Reise zu den Slums von Mumbai.

Raub, Vergewaltigung und Mord sind in Dharavi an der Tagesordnung. Im weltberühmten Film „Slumdog Millionare“ wurde diese Situation eindrucksvoll dargestellt. Ironie des Schicksals: Der Film wurde im Slum Dharavi mit seinen Bewohnern gedreht. Doch die indischen Schauspieler entlohnte man mit Hungerlöhnen. Die Einheimischen bleiben aufgeheizt. Mit meiner weißen Nase und dem Shampoo gewaschenen Haar bin ich Frischfleisch. Deshalb habe ich mir zum Schutz Schwester Aruna gerufen. Sie arbeitet an einem Hilfsprojekt im Slum Dharavi und kann mich hineinschmuggeln.

Das Herz pocht. Die ersten Schritte zeigen bereits, warum kein Tourist ohne Schutz seinen Fuß in dieses Gebiet wagen sollte. Aggressivität, Armut, Antipathie. Der Alltag besteht aus dem Kampf ums Überleben. „In einigen Slums wird für Cents getötet“, berichtet Aruna. Doch plötzlich: Ein Schmuckgeschäft. „In den Slums verstecken sich auch sehr viele Reiche, Drogenhändler, Betrüger und leben unter dem Schutz der Slumbewohner sicher. Polizei wagt sich kaum her.“ Aber ich, na typisch!

Einige Straßen weiter verweist Aruna auf ein tiefes schwarzes Loch im Boden. Dutzende Arbeiter sitzen in einem dunklen Keller und nähen leuchtende Hemden. Vor wenigen Jahren enthüllten weltweit Journalisten, dass unter anderem der Trendshop GAP und das deutsche Versandhaus Heine in solchen Fabriken Ware produzieren ließen. Nach den Veröffentlichungen wurde Besserung versprochen. Man sprach von Einzelfällen. Wirklich? Auf meiner Tour sehe ich Dutzende dieser Löcher.

In den kommenden Jahren soll sich in Dharavi vieles verändern. Die Politik will den Slum in ein Vorzeigeprojekt für alle indischen Städte verwandeln. Investoren sollen Hochhäuser errichten und diese den Slumbewohnern kostenlos übergeben. Die frei werdenden Flächen kommen den Investoren zugute. Die Ironie: Wird den auf der Straße lebenden Indern einmal eine Wohnung zugeteilt, verkaufen viele diese nach dem Einzug wieder, um ihr Leben mit dem erworbenen Geld auf der Straße fortzusetzen. Aus kulturellen und religiösen Gründen verständlich, währt der soziale Stand (auch die Kaste) und die Herkunft eines Inders ein Leben lang.

„Daß ich erkenne, was die Welt Im Innersten zusammenhält.“ Mit Fausts Worten gesprochen, schwinge ich mich auf mein altes DDR-Fahrrad, nur einen Tag nachdem ich meine einjährige Reise und Indien beendet habe und wieder nach Deutschland zurückgekehrt bin. Ich öle mein mehr als 20 Jahre altes Mifa-Fahrrad, um es mit auf eine Tour quer durch die Republik, die Niederlande bis nach Belgien zu nehmen. Mehr als 1000 Kilometer liegen vor mir, zehn geplante Tage Zeit für alle Gedanken der Welt … Pardon: Für alle Gedanke über die Welt.

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