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Mit dem DDR-Fahrrad unterwegs (1): Von Magdeburg nach Brügge (Belgien)

Alle Artikel lesen Sie in der Volksstimme! Im Wochenendmagazin im Reisebereich werden allwöchentlich die Geschichten der spektakulären Tour abgedruckt. Hier ein Einblick in die Arbeit: Text 1 Malaysia / Text 2 Thailand

Magdeburgs Weltenbummler und Reisebuchautor Falk Werner hat seit wenigen Tagen wieder heimischen Boden unter den Füßen. Als Abenteurer suchte er monatelang sein Glück in der Welt, um direkt nach der Rückkehr zu einer Fahrradtour durch Europa aufzubrechen. Er wollte radelnd die Weltreise reflektieren. Der 30-Jährige nimmt in einer Serie alle Volksstimme-Leser mit auf diese zwei fantastischen Reisen quer durch die Welt.

Mein Fahrrad war wohl noch nie startklar. Es hat keine Klingel, die Kette ist nicht geölt, das Licht bleibt dunkel, die Reifen laufen unrund. Und doch entschließe ich mich, nach nur einem Tag nach der Rückkehr von meiner letzten Weltreise mit diesem Gefährt sofort wieder aufzubrechen: Mit meinem alten DDR-Mifa-Fahrrad fahre ich quer durch Europa. Eine 1000 Kilometer-Tour von Magdeburg nach Belgien. Ich brauche die Herausforderung und die Zeit, um das Erlebte während der letzten zwölf Monate auf Weltreise zu verarbeiten. Eindrücke aus Asien und Amerika kreisen im Kopf.

Ich trete in die Pedale. Vom Elbe-Radweg über Magdeburg und Schönebeck geht es zum Saale-Radweg nach Calbe und weiter nach Bernburg. Dort lande ich auf dem R1, Europas Fahrradstraße, wenn es um solch verrückte Touren geht. Die „1“ steht wohl für „Sehr gut, Falk, das ist Dein Weg!“

Wie leicht man auf so eine „1“ hereinfallen kann, erlebte ich allerdings gleich am ersten Tag meiner Weltreise: Ein buntes Meer aus Menschen strömt mir entgegen, als ich die Ankunftshalle des Airports KLIA nahe Kuala Lumpur in Malaysia betrete. Muslime, Inder, Malaien, Chinesen – häufiger auch europäische Touristen. Ein Meltingpot, wie es der US-Amerikaner gern ausdrückt, der selbst aber nur sehr selten in das für ihn ferne Asien reist. Und nach außen hin leben alle Nationen friedlich unter einem Dach. Die malaysische Regierung hat sich passend für ihren Vielvölkerstaat eine Kampagne mit dem Titel „Satu Malaysia“ einfallen lassen. „Satu“ ist das Zahlwort für „1“. Übersetzt also: Ein Malaysia.

Verliebt in die Idee, dass wir die Grenzen von Religionen und Kulturen überwinden, erkunde ich das Land und seine Gesellschaft. In Kuala Lumpur fahre ich zunächst hinauf auf die Aussichtsplattform des Menara Kuala Lumpur, des 421 Meter hohen Fernsehturms. Er gibt mir einen beeindruckenden Stadtüberblick. Auf Augenhöhe erscheinen mir, auf dem Deck angekommen, die Petronas Towers, die beiden höchsten Zwillingstürme der Welt. Der Rundgang startet in westliche Richtung und so erkenne ich nach nur wenigen Schritten bunte Tempel auftauchen. Sie heben sich aus der Silhouette der Stadt deutlich ab und zeigen die Herrschaft Indiens über das Stadtviertel. Dicht daneben im Westen Kuala Lumpurs haben sich die muslimischen Nationen niedergelassen. Hier ragt ein gigantisches Minarett aus der Betonwüste. Und im Süden haben sich die Chinesen breit gemacht. Die Malaien vermute ich überall dazwischen.

Auf dem Boden der Tatsachen zurückgekehrt, besuche ich nun Tag für Tag eines dieser Stadtviertel. Ich sitze mit Indern in einer geschwätzigen Runde, rauche mit Muslimen ein Pfeifchen und grinse gemeinsam mit den Chinesen um die Wette. Mit den Malaien philosophiere ich wetteifernd. Nur eines passiert in diesen Tagen in Kuala Lumpur und leider auch auf der gesamten Malaysia-Reise nicht: Wir sitzen als Nationen nie alle gemeinsam an einem Tisch. Denn das Zusammenleben der verschiedenen Völker bringt die nicht gleich auf den ersten Blick offensichtliche Schieflage der Werbekampagne mit sich. Man lebt nebeneinander, nicht miteinander. Verhöhnt wird jener Spruch von einem Großteil der Bevölkerung Malaysias, der mich so hat hoffen und träumen lassen: „Satu Malaysia“. Malaysia ist noch lange nicht eins.

Als ich am Abend nach dem Ende der ersten Etappe meiner Europatour ein freies Feld bei Staßfurt finde, bin ich zumindest eins mit meinem Fahrrad geworden. Wir meckern beide. Der Sattel quietscht und auch mein Popo schreit. Ich lehne das alte DDR-Fahrrad an einen Hochsitz, den ich anschließend in meiner Vorstellung wie die Petronas Towers besteige. Auch von hier oben ist die Aussicht fantastisch: Anstelle der Hochhäuser sehe ich Pappeln, die indischen Tempel weichen der hügligen Bördelandschaft. Kein Minarett, dafür Windräder. Ja, so denke ich plötzlich, wir alle haben als Menschen eines gemeinsam: Wir sind eins mit der Natur, denn sie bestimmt, wann wir sterben. Was wir bis dahin mit unserem Leben anfangen, das liegt in unseren eigenen Händen. Oder in unseren Beinen, denn ich reite morgen weiter. Auf meinem DDR-Fahrrad zu neuen Horizonten …